Noel, Vincent Eugen

Vincent E. Noel, geboren 1980 in Guben, lebt nun in Franken. Schriftsteller und Dramatiker. Der Versuch Musiker zu werden scheiterte, also reiste er erstmal durch Europa. Mitglied im Theaterlabor. Gründer einer freien Bühne in Nürnberg. Veröffentlicht regelmäßig Kurzgeschichten in einer Tageszeitung, schreibt Novellen, Erzählungen, Theatertexte. Sein neues Buch, die historische Novelle "Opferkind. Das Problem mit der vergeudeten Schwester" erscheint im Dezember. ISBN: 978-3-939518-79-2.
 

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Texte im Maulkorb

Heute wie jeden Tag Hiob   (Ausgabe 1) 

Disharmonisches Portrait eines alten Mannes   (Ausgabe 5) 

 

 

 

 

 

Stalin hat Minsk vergessen. Für Stalin gibt es andere, wichtigere Sachen, über die er sich den Kopf zerbricht. Alte Frauen, die nicht mehr gehen können, sind bedeutungslos.

Nicht wichtig.

Die alte Frau schlägt die Decke zurück, ihre linke Hand klammert sich an das Bettgestell, sie läßt ihre Beine aus dem Bett gleiten, für einige Momente kann sie wieder aufrecht stehen, so wie früher, als sie noch Frau sein durfte. Doch dann läßt ihre Hand das Bettgestell los, sie fällt nach vorne, und Dunkelheit hüllt sie ein.


Nach einer Weile weicht die Angst vor ihr. Erlaubt sie sich, die Augen zu öffnen. Sie liegt wieder in dem Bett. Windet sich, auf dem Rücken liegend, streckt sich. Sie glaubt ein sanftes Glück zu spüren, das sie durchströmt und das es ihr ermöglicht, die Schmerzen und das Alter verdrängen zu können. Fast möchte sie glauben, noch einmal Frau sein zu dürfen, vom Haar bis in die Zehenspitzen, in ihrem Wesen, in ihrem Herzen, in ihrem Kopf.

Was für ein Gefühl des Friedens, das denkt sie, schmerzlose Seligkeit in mir und rings um mich. Sie wendet den Kopf zur Seite: dabei verrutscht das kleine Kruzifix, das ihren Hals beschützt. Ihr Enkel Mischa hat es ihr geliehen, hat es ihr mit diesem Lächeln auf seinen Lippen um den Hals gelegt, das sie so wärmt. Damals hat sie die Augen geschlossen und sich über diese unschuldige Berührung gefreut. Damals: vor wenigen Tagen. Das Kruzifix wieder in seinen Händen zu spüren, so hat er ihr erklärt, wäre ein Grund mehr, zurückzukehren. In dieser Zeit braucht es viele Gründe, um zurückzukehren. Sie hat nichts gesagt, hat nur gelächelt und ihn angesehen, bis er gegangen ist. In dieser Zeit braucht es viele Gründe, um zu lächeln.


In der Nacht blieb sie ohne Schlaf.

Etwas mit einer Ähnlichkeit zu einem Sommergewitter, weit über den Nachtwolken sich entladend, hat ihren Schlaf zerstört. Sie hat es noch geschafft, sich auf den Bauch zu drehen, und sie hat die Augen geschlossen, hat überlegt, ob sie versuchen soll, aufzustehen, ob sie versuchen soll, in den Keller zu kommen, notfalls auf allen Vieren, doch sie blieb liegen, zugleich wütend und machtlos.


Ein Lichtstrahl dringt durch ein Loch in der Gardine, malt einen glitzernden Punkt auf ihre Wange. Es ist nun die Stunde, in der behutsam, vorsichtig die Wärme beginnt und die nachtkalten Erdgerüche wieder verblassen. Die Luft ist matt und schwer, wird langsam wieder von all den vielen Geräuschen einer Großstadt angefüllt, vermengt mit Gerüchen, die ihr seit der Kindheit vertraut sind. Sie lächelt. Lächelt und bleibt reglos liegen.

Hinter der Tür, auf dem Flur, ist das Fußgetrappel abgeklungen, die Ärzte und Schwestern sitzen und stehen und rauchen, in irgendeinem Zimmer zusammengedrängt, sie lauschen der Stimme im Radio, die über die neue schlechte Lage an der Front berichtet.

Heute wie jeden Tag Hiob: die Offiziere der Verwaltung sind aus Minsk verschwunden. Rückzug nennen sie das, was panische Flucht ist; morgen schon werden die Deutschen hier sein. Vielleicht sogar heute noch. Warum sonst keine Bomben mehr seit einigen Stunden, bestimmt nicht aus Barmherzigkeit.

 

Etwas oder Jemand berührt sie am Arm. Sie öffnet ihre Augen und sieht direkt in die einer Krankenschwester, zusammengekniffene, verängstigte Augen sind das. Fast noch ein Kind bist du, das denkt sie. Was wird aus dir, wenn sie hier sind, die Deutschen, spätestens morgen. Diese kalten Deutschen. Nicht mir, dir allein solltest du helfen, Kind, du solltest von hier verschwinden, am besten sofort. Die Schwester redet lange auf sie ein, länger als eine Viertelstunde, bis die alte Frau lächelt, nur mit den Lippen, nicht mit den Augen. Irgendwann wendet die Schwester den Blick ab und will das Zimmer verlassen. An der Türschwelle bleibt sie stehen, betrachtet das Portrait von Stalin, der Große Stalin aber beachtet sie nicht, keine Sekunde lang. Dann schlägt sie ein hastiges Kreuz und geht aus dem Raum.


In der Ferne weinen Sirenen.

Im Zimmer aber ist es still.

Still und lichtdurchströmt.

Üppiges, verschwenderisches Licht flutet über den Kachelboden, erwärmt die Bettdecke und fällt auf ihre Hände, fällt auf ihre Stirn, fällt auf das Kruzifix. Ihre Hände, die wie vergessen auf ihrer Brust liegen. Gebettet, versunken in Ruhe und Stille ist sie, annähernd unwirklich in dieser Abgeschiedenheit, annähernd.

Sie versucht sich aufzurichten, vergeblich, immer wieder. Nach einer Atempause wendet sie das Gesicht zur Tür und versucht sich vorzustellen, was in der Stadt passiert. Das Zimmer jedoch befindet sich im vierten Obergeschoß, und die Geräusche, Klänge, die es bis an ihr Ohr schaffen, lassen sich von ihr nicht gänzlich entziffern. Meist sind es die gleichen Geräusche, die sie so aufreibend monoton angreifen, daß sie an einem Sinn in ihnen zweifeln muß: jaulende Alarmsirenen, dumpf hustende deutsche Artillerie, ab und zu ein Knall von einer der leichten sowjetischen Granatwerfer. Nutzloses Sperrfeuer, operettenhaft verzweifelt. Sie kann schwere, rhythmische Schläge zählen, denen eine kurze Stille folgt; dann fängt alles von vorne an; bricht wieder ab; beginnt erneut.

Neben dem Nachttisch wartet noch der Koffer mit ihren Sachen, den Mischa ihr gebracht hat, bereits in Armeekleidung. Er sah so gut aus in der Uniform, ein so hübscher junger Mann, es wundert sie nicht, wenn sich die Mädchen nach ihm umdrehen. So hübsch sah er aus und so verzweifelt.


Andere Geräusche als sonst dringen nun zu ihr: Türen, die zugeworfen werden, schwere Schritte von Menschen, die etwas hastig fortschleppen, eine befehlsgewohnte Stimme, die durch die Flure schneidet, dann startende Motoren, ein kurzes Aufbäumen, abschließend fortpreschende Autos. Dann Stille.

Eine Stunde noch, dann sind die Deutschen hier. Vielleicht zwei Stunden, höchstens.

Sie öffnet die Augen. Sieht die Krankenschwester und einen Arzt. Die Krankenschwester trägt ein Tablett, auf dem kleine Becher stehen, fast alle sind schon leer, eine Flasche steht daneben, und auch die ist beinahe leer. Der Arzt fragt sie etwas, sie nickt nur, wie die anderen alten Frauen auch. Alle haben eingewilligt, nicht nur sie. Und sie haben dabei gelächelt.

Kurz berührt er ihre Hände, als würde er sie segnen. Dann gibt er der Krankenschwester ein Zeichen, sie nickt und hilft dann der alten Frau beim Trinken. Die alte Frau trinkt, und sie lächelt, und sie läßt dann die Augen offen, bis sie einschläft. Der Arzt fragt sie noch, ob er ihr das Kruzifix abnehmen und in die Hände drücken soll, die sie über der Brust faltet. Sie lehnt mit einem verneinenden Blick ab. Es würde Mischa nicht mehr beschützen können, wenn es nicht um ihren Hals liegt. Und dann würde es für ihn kein so barmherziges Ende nehmen wie für sie.